hétfő, október 18, 2021

Heppner Harald-Miladinović Zalaznik Mira (Hg.): Provinz als Denk- und Lebensform. Der Donau-Karpatenraum im langen 19. Jahrhundert

Frankfurt am Main: Peter Lang 2015, 312 p. /Neue Forschungen zur ostmittel- und südosteuropäischen Geschichte 7./ ISBN 978-3-631-66569-5.

In Annotation anzuzeigen ist hier ein sehr bemerkenswerter Sammelband, der auf eine Tagung der Kommission für Geschichte und Kultur der Deutschen in Südosteuropa zurückgeht und in der vorliegenden Buchform einige zusätzliche Texte erhalten hat. Er versammelt Beiträge mit literaturwissenschaftlichen, musikwissenschaftlichen, erziehungswissenschaftlichen, politikgeschichtlichen sowie sozialgeschichtlichen und volkskundlich-kulturanthropologischen Themenstellungen. (Die Annotation hier wurde von einem Volkskundler verfasst.)

Ohne dass die Herausgeber es eigens ausdrücken müssen, ist von historischen Regionen, Landstrichen, Städten und Gemeinden die Rede, die östlich, vor allem südöstlich von Wien gelegen waren und als Provinzen zum historischen Habsburgerreich gehört haben. Sämtliche 15 Beiträge können mit erheblichem Gewinn gelesen werden. Und es stimmt durchaus, was Harald Heppner und Miladinović Zalaznik am Beginn des Bandes geschrieben haben, nämlich, dass das Lesepublikum so manche Erkenntnis in und zwischen den Zeilen dieses Kompendiums erhalten kann, lohnend, sie zu entdecken und in sich aufzunehmen (s. S. 5).

So schreibt Evá Kowalska über „Probleme mit der städtischen Welt: Zur Frage des slowakischen ‚Nation-Buliding‘“ (S. 127–140). Einen Schwerpunkt auf das historische Königreich Ungarn legt Juliane Brandt mit ihrer Vergleichsstudie „Provinz gleich Provinz? Provinzstädte und Pfade ihres sprachlichen Wandels um 1900“ (S. 141–164). Dazu passt ebenso der Beitrag von Karin Almasy über die „Nationale Frage und die Schule: Maribor/ Marburg zwischen 1848 und 1861“ (S. 251–266). Einen Beitrag über den „Deutschunterricht in der Bucht von Kotor unter österreichisch-ungarischer Herrschaft“ hat Neda Donat eingebracht (S. 231–249). Kotor, weit entfernt von der Zentrale, gehörte 1814–1918 zur österreichischen Monarchie. Es war unerlässlich, dass in entfernten Provinzstädten Ausbildungsstätten existieren, die die Sprache der Zentralverwaltung unterrichten, vermitteln und prüfen, zumal für den Nachwuchs des Beamtentums und der Handelsleute. Die Durchsetzung und die Akzeptanz eines Kommunikationsmittels „Schrift“ macht territoriale Verwaltung und somit „Provinz“ erst möglich. Gemeint ist hier also nicht Schule und literaler Unterricht um seiner selbst willen, sondern Unterricht in der Sprache der Kanzleien des Regierungssitzes, die Wiener Hofes.

Sicher bedingt durch die oben genannte, zugrundeliegende wissenschaftliche Tagung, die in Ljubljana durchgeführt worden war, legt der Sammelband insgesamt einen geografischen Schwerpunkt auf Slowenien: Igor Maver reflektiert über die „Bedeutung von Lord Byrons slowenischen Übertragungen am Fallbeispiel von France Prešeren: Die nationale Wiedergeburt und das politische Bewusstsein der Slowenen im 19. Jahrhundert“ (S. 111–126). Peter Vodopivec schreibt über die „Intelligenz in den Gebieten des heutigen Slowenien zwischen Wien und den Heimatländern um 1900“ (S. 267–280). Einen interessanten Beispielfall bringt Miha Preinfalk mit „Josef Freiherr(n) von Erberg – zwischen Zentrum und Provinz“ (S. 195–209). Tanja Žigon widmet sich einem nur auf den ersten Blick überraschenden, doch notwendigen Detailthema des Theaterbetriebs im historischen Laibach, nämlich den Souffleuren, Zettelträgern, Requisiteuren und Billeteuren: „Souffleure sind die große Feder in [jeglicher] Theateruhr“ (S. 211–229).

Dazu kommen die Beiträge von Stefan Sienerth über den im Banat geborenen und aufgewachsenen Schriftsteller Richard Wagner: „Zeugnisse früher Prägung: Der junge Richard Wagner und die Provinz (S. 177–192), sowie von Johann Georg Lughofer über die im Gebiet des heutigen Tschechien geborene und wirkende Bertha von Suttner: „‘Lage prachtvoll, aber abseits aller Kultur‘ – die Bedeutung der Provinz für das Schaffen Bertha von Suttners“ (S. 165–176).
Aus volkskundlich-kulturanthropologischer Perspektive gesehen wirken zwei Aufsätze besonders interessant. Zum einen wäre das der Beitrag zur „Darstellung von ‚Provinz‘ in deutschsprachigen Kalendern aus dem Süden der Habsburgermonarchie um 1900“ von Olivia Spiridon (S. 281–310). Hier geht es um Kalenderdrucke als eine gleichsam klassische Gattung, die in einer Provinz(-stadt) hergestellt werden konnte (hier z. B. Banat) und ländliche bzw. landwirtschaftliche Bedürfnisse bediente, aber zugleich eine Art von Informationsscharnier im Verhältnis zu den Nachrichten der Metropolen bilden konnte. Die Verfasserin rekurriert dabei unter anderen auf die bekannte Arbeit von Rudolf Schenda über die „Lesestoffe der kleinen Leute“ aus den 1970er und 1980er Jahren. Nach der Lektüre des Beitrags von Spiridon möchte man sich durchaus wünschen, in Schendas/ Tomkowiaks Handbuchartikel wäre dem Volkskalender des 19./ frühen 20. Jahrhunderts ein eigens gekennzeichneter Abschnitt gewidmet worden.
Über den Wandel von „Standesgewand – Nationalkostüm – Modetracht“ im siebenbürgischen Hermannstadt des 18. und frühen 19. Jahrhunderts schreibt Irmgard Sedler (S. 25–65), wobei wir es mit der Entwicklung von ständisch-nationaler Emblematik bis hin zur nationsübergreifenden bürgerlichen Modekleidung zu tun haben. Der Beitrag widmet sich der Frage, in welcher Gestalt man als Siebenbürger Standesvertreter/-in an einem kontenpunkmäßigen Zentrum (am Hof in Wien also beispielsweise) auftritt, wenn Menschen zusammenkommen, um sich miteinander festlich zu unterhalten und Beziehungen anzuknüpfen, um zu verhandeln und um ihre Interessen zu vertreten – eben zum Beispiel provinzielle Interessen. Die entscheidende Kategorie dabei war neben der persönlichen Anwesenheit vor allem der Gedächtniseindruck bei Anderen, den man hinterlässt und der die Folgebeziehungen mitbestimmt hat. Geeignete Quellen in dieser Frage sind zum einen historische Abbildungen der Betroffenen selbst in ihrer jeweils für angemessen gehaltenen Kleidertracht (s. S. 53–64), zum anderen aber, dies vor allem, auch Briefe (Korrespondenz), die die Betroffenen an ihre Angehörigen schickten und dort Einschätzungen zur passenden oder unpassenden Kleidung sowie zur historischen Veränderung dieser Kleidung in der hier in Rede stehenden Sattelzeit niedergeschrieben haben (s. S. 30–31 und passim). Sedlers Beitrag ist nicht nur der umfangreichste, sondern aus meiner Sicht auch der beste des ganzen Bandes: Einmal deshalb, weil er die methodisch aussagekräftige Verbindung zwischen der Quellensorte „Brief“ glücklich zu nutzen vermag, zum zweiten (s. S. 25–30, 36–37, 43–44, 50–51), weil er seine Quellenbefunde souverän in staatsgeschichtlich und kulturanthropologisch übergreifende Zusammenhänge einbettet und deshalb auch für europäisch-übergreifende Fragestellungen fruchtbar machen kann.