szombat, június 12, 2021

Der langjährige Ordinarius für Volkskunde an der Universität Passau, Prof. Dr. Walter Hartinger, wird im November 2015 fünfundsiebzig Jahre alt. Forschungen und Lehrveranstaltungen von ihm widmeten sich immer wieder auch dem Donauraum und seinen volkskulturellen Themen im Betrachtungsfeld von Arbeit, Alltag, Recht und Religion. Mehrere Exkursionen mit den Passauer Studierenden führten ihn nach Ungarn und in die Slowakische Republik. Wenn man mit ehemaligen akademischen Schülerinnen und Schülern spricht, kommen stets die beeindruckenden, aus direkter Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse und gedächtnisprägenden Erlebnisse zur Sprache. Das Wort Erfahrung hat in diesem Zusammenhang einen zweifachen Sinn, weil Hartinger die entsprechenden Erkundungen mit langen Fahrradfahrten verband und so eine sinnliche, unmittelbare Kontaktmöglichkeit zu Land und Leuten gegeben war. Hartinger war einer der ersten, die sich um den Austausch mit der ostmitteleuropäischen Volkskunde/ Europäischen Ethnologie nicht nur bemühten, sondern tatkräftig und intensiv Arbeitsbeziehungen schufen, Resultate hervorbrachten, nach 1990 zumal: Mit Kollegen aus der damaligen Tschechoslowakei war das mehrfach der Fall. Insbesondere aber mit József Liszka und László Lukács zusammen wurden Forschungsaufenthalte durchgeführt, entlang der Donau bis Komárom und Székesfehérvár. Umfangreiche gemeinsame Buchpublikationen mit Liszka und dem Forschungszentrum für Europäische Ethnologie Komarno/ Komárom legen dafür beredtes Zeugnis ab.
Generalisierende Arbeiten galten über Jahre dem Begriff der „Volkskultur“, zuletzt über die „Fiktion von den engen Grenzen der Volkskultur“ in den Acta Ethnologica Danubiana (Nr. 2–3, 2000–2001) und über seine Rolle als Schlüsselwort volkskundlicher Forschung und Arbeit (Salzburger Volkskultur, Nr. 28, 2004). In diesem größeren Zusammenhang standen auch seine ganz grundlegenden Arbeiten über das Zunftwesen, den Wandel von Lebensformen und Epochenstrukturen seit dem 13./14. Jahrhundert (Die Wende des Mittelalters, 1987). Diese Wende, belegt an sehr konkreten Alltagsphänomenen und Arbeitstechniken, spiegelt sich auch in seinen zahlreichen Arbeiten über den Salzhandel, die Schiffszüge und das Transportinnovationen auf der Donau (insbesondere in dem von ihm selbst herausgegebenen Band Passau und das Salz, 1990).
Ein eindeutiger Schwerpunkt lag indessen auf der Frömmigkeitsforschung, auf dem Zusammenhang zwischen Religion und Brauch. Das gleichnamige Buch, das 1992 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschien, ist noch heute Standardwerk. Seine großen Studien über die Wallfahrtstätte Mariahilf ob Passau und deren immense Ausstrahlung über den Donauraum wird noch lange nach ihrem Erstdruck (1985) international herangezogen, zuletzt habe ich Rezeptionen bei Peter Hersche und Christophe Duhamelle gesehen; die kleinere Abhandlung darüber, die zuerst für den Sammelband Wallfahrt kennt keine Grenzen des Münchner Stadtmuseums 1984 entstanden war, findet sich auch in ungarischer Sprache übersetzt (Egy népszerű búcsújáróhely kialakulása és a kapcsolódó ájtatossági forma elterjedése. Acta Ethnologica Danubiana, Nr. 1, 1999–2000). Die Untersuchungen zu den kirchlichen und staatlichen Wallfahrtsverboten, unter anderem in den Diözesen Passau und Regensburg, explizierten nicht nur das Problem der durchgehenden Spannung zwischen Sakralität und Profanität, sondern markierten auch die Spannungen einzelner geistlicher Organisationen (Laienorganisationen, pastorale Organisationen und Ordensorganisationen) untereinander. Wege weisend und quellengesättigt ergänzen seine Studien über das geistliche Schauspiel im Bistum Passau diesen Problemkreis. Unter denjenigen Texten, die ich kenne und die – über dokumentarisch abgrenzbare Einzelthemen und – probleme hinaus – eine Umschau wagen, gibt es einen, der die Perfektion berührt: „Aufklärung und Säkularisation als Wendepunkte der Volksfrömmigkeit“ heißt er, publiziert 2003 in dem von Landersdorfer herausgegebenen Sammelband zur 200-jährigen Wiederkehr der Säkularisation in Passau.
Hartinger hatte 1970 promoviert bei Karl-Sigismund Kramer in Kiel mit einer Dissertationsschrift über die Wallfahrt nach Neukirchen beim heiligen Blut. Und Kramer widmete er seine umfangreichste Unternehmung, die kommentierte, 3-bändige Edition der Dorf-, Hofmarks-, Ehehaft- und anderen Ordnungen in Ostbayern (unter dem Haupttitel „…wie von alters herkommen…“, Passau 1998/2002). Diese Unternehmung war ein systematischer und in den zum Teil überraschenden Funden ein fulminanter Beitrag zur nach wie vor so genannten „Weistumsforschung“.
Wie man hört, unterstützt Walter Hartinger nach der Emeritierung nun in reichem Maße die Schauspielkunst der Tochter Dorothee Hartinger am Wiener Burgtheater – und widmet sich verstärkt einem langjährigen Hobby, der Imkerei. Den Nachfolgern indessen sind noch vielfältige Aufgaben gestellt, Aufgaben, die, um beim Stichwort zubleiben, bienenähnlichen Fleiß und Arbeitsmut erfordern, Aufgaben, für die Hartingers Leistungen allerdings den sprichwörtlichen Honig bieten.